Hallo!
Wie ich schon oben schrieb, bin ich von dem Projekt Generalistik und seiner Sinnhaftigkeit überzeugt. Ich weiß nicht ob ich neue Argumente habe… aber dennoch:
- (Endlich) Internationale Anschlussfähigkeit zumindest ein Stück weit, selbst wenn man die immer noch unzureichende Akademisierung in Deutschland mit einbezieht.
- Sektorenübergreifende (Basis-) Ausbildung… wenn ich als Krankenpfleger (ja ich bin alt obwohl ich mich nicht so fühle) in der ambulanten Pflege oder der stationären Langzeitpflege oder wieder im KH arbeiten kann, sofern ich mich selbstverständlich einarbeite in Hausspezifisches und/oder die Anforderungen des jeweiligen Spezialgebietes, erscheint es doch sinnvoll und konsequent, dies als Grundlage zu nehmen. Natürlich sind damit Probleme unserer Arbeits-/Alltagsrealität verbunden: wer zahlt besser, wer wirbt effektiver um die begehrten Arbeitskräfte? Ich habe meinen Praxisanleiter im Kontext des Umstiegs auf die Generalistik gemacht und erinnere mich noch daran, Auszubildenden bei der Frage nach der Wahl einer Spezialisierung meist geraten zu haben, auf diese zu verzichten, um mehr Auswahl zu haben. Nicht wirklich gut für meine persönliche Arbeitssituation oder meinen Arbeitgeber. Aber Ehrlichkeit scheint mir geboten zu sein im Umgang mit “meinen” Azubis. Wir können auch mit Positivem punkten in der Langzeitpflege: der impliziten Verbindung mit unseren Zupflegenden, die ganz unmittelbaren Sinnhaftigkeit, die sich aus dieser Erfahrung ergibt. Und auch das – naja relative Fehlen (sorry leider nicht mehr so, der Personalmangel) – der Hektik gegenüber der (Profit)Maschine Krankenhaus.
- Ich finde das Konzept einer Basisausbildung die auf lebenslanges Lernen und Fort- und Weiterbildung sehr attraktiv. Es spiegelt auch meine persönliche Arbeitsbiografie wieder [dazu unten mehr]. Ich bin mir bewusst, dass es viele KollegInnen gibt, die da nicht mitgehen, die sich systematisch neuem Wissen und neuer (auch medizinischer) Praxis verweigern. Sicherlich sind der Kontext, die Erfahrung von tatsächlicher oder vermeintlicher Machtlosigkeit, eine fürchterliche Arbeitssituation schon seit langem, die tradierte Rollenzuschreibung von “Pflegen kann jeder” oder “Gehilfe des Arztes”, die aber auch aus unsere Bildungssystem gespeist wird, aus dem wir in die Berufsausbildung gehen, Ursachen für diese Haltung. Es ist aber falsch und nicht gut, für unsere PatientInnen/KlientInnen/Bewohner und deren Angehörigen, es wird unseren Aufgaben nicht gerecht. Es ist “von Gestern”!
Allerdings ist da noch eine große, nein riesige Leerstelle, was nach der Ausbildung kommt an Weiterbildung: es gibt überkommene Fachweiterbildungen (“überkommen” ist hier NICHT als Wertung gemeint!!) wie Anesthesie und Intensiv, Geronto-Psychiatrie, Psychiatrie, aber auch Weiterbildungen, die wie die zu Wundexperte/Fachtherapeut Wunde/Pflegetherapeut Wunde (ICW und andere!) oder zu/zur PraxisanleiterIn einen anderen Kanon (und Status?) haben. Dem stehen jetzt neue Konzepte gegenüber, wie der BA in angewandter Pflegewissenschaft, andere Studiengänge, BA und Master (z.B. APN) also akademisierte (Weiter)bildung wo die Equivalenz schlichtweg ungeregelt oder dies bestenfalls stückweise geschehen und nicht bundesweit einheitlich ist.
Ich habe gerade an der BHH hier in Hamburg Details für das Nachqualifizierungsprogramm erfahren (BA angewandte Pflegewissenschaft): Anrechnung von 80Credits für Generalistik, Nachholen der fehlenden Module in einem Semester und dann Einstieg (berufsbegleitend) im 7. Semester…
Andere, ohne Generalistik müssen in die – durchaus wohlmeinende – Einzelfallprüfung… [der Weg ist nicht mehr für mich – ich bin jetzt 60, auch wenn ich sicher über 67 hinaus arbeiten werde, wenn ich denn kann]
Aber ernsthaft: was wird aus den etablierten Fachweiterbildungen (Anesthesie usw.), welchen Stellenwert haben die Absolventen? Hat dieser Weg jetzt noch Zukunft? Was bedeutet meine Erfahrung (und Qualifikation) als Fachtherapeut Wunde ICW überhaupt (?!) in unserem Medizinsystem und insbesondere gegenüber anderer Professionen? Das mag auch einen Teil der Abwehr der Akademisierung und allem Neuen begründen, die Sorge vor der Entwertung.
Ich will deutlich machen, welche riesigen Leerstellen mit dem – grundsätzlich richtigen – Einstieg in die Generalistik gleichzeitig noch bestehen! Hier müssten rasch Antworten folgen, die würden auch der Akzeptanz der Generalistik (etwas) helfen. - Das Konzept ist in der verwendeten Sprachlichkeit, der (Be)gründung auf neuer Wissenschaftlichkeit für viele etablierte eine Zumutung. Und das Eindenken in Neues, anderes ist mühsam. Mir fällt das auch nicht leicht, ich lerne täglich Neues hinzu und habe trotz der Freistellung immer noch nicht genug Zeit mich rasch da einzuarbeiten. Ich finde es aber grundsätzlich richtig, diese Latte so angemessen hoch zu hängen! Ich bin aber auch Akademiker (nicht in Pflege). Allerdings steigt der Großteil unserer Azubis mit mittlerer Reife ein – wie auch ein Großteil der Etablierten Pflegekräfte es sind. Geht das? Geht das nicht? Auf welchem Level erfolgt die Erarbeitung? Welche Erarbeitung ist angemessen?
Das einer Azubi, – Muttersprache NICHT deutsch –, mit der ich gestern die SIS einer Neuaufnahme inklusive der dahinter stehenden Konzepte (!) nach dem ersten Schulblock im Orientierungseinsatz (!) erarbeiten konnte? Oder das eines Azubis – Muttersprache deutsch – auch im Orientierungseinsatz, der in der Kommunikation mit Pflegekunden und bei Unterstützung bei der Körperpflege gut (ist), aber nur auf vielfache und drängelnde Aufforderung bereit war, sich mit theoretischen Texten (zur Verfügung gestellt von seinem PA) überhaupt zu beschäftigen? Oder kleine Rechercheaufgaben zu erledigen?
Ausbildung und Lerntypen sind individuell und wir PA gehen darauf – nach Möglichkeit und Zeitbudget (“mindestens 10% strukturierte und geplante Anleitung”) – ein und der Endpunkt der Kompetenz und Leistung am Ende der Ausbildung ist offen.
Aber wo wollen wir hin? Vermutlich brauchen wir eine stärkere Differenzierung nach Qualitäts- und Aufgabenniveau, die sich dann in der Arbeitswelt und Stellenplan widerspiegelt. Und Fragen wie Anerkennung und Equivalenz vorhandener Qualifikationen und auch einen “Aufstiegs-”Pfad beinhaltet. Und das wird Widerstand hervorrufen, bei den Arbeitgebern und der Politik, die auf hinreichend gefügige und duldsame (und preiswerte!) Pflegekräfte setzt. Und bei den Etablierten im System, die Entwertung fürchten (oder nicht die Möglichkeit haben Aufstiegspfade wahrzunehmen, auch aus ökonomischen Gründen!) Die Generalistik fordert all das heraus, und wir müssen uns positionieren, leider ohne effektive Pflegekammern mit Breitenwirkung… - Die Umsetzung der Generalistik ist das drängendste Problem: Azubis haben eine Aufgabe: ihren Beruf zu erlernen. Sie brauchen dabei unsere Unterstützung, durch PraxisanleiterInnen mit genug Zeit, also freigestellt, aber auch durch alle anderen! Ausbildung ist eine Aufgabe für alle! Es geht auch um ein Klima, es geht um den Umgang(ston) mit den Auszubildenden. Ich lese wirklich fürchterliche und diskriminierende Zuschreibungen in Socialmedia für Azubis. Das lässt vermuten, welche toxischen Erfahrungen diese KollegInnen in ihrer Ausbildung gemacht haben und jetzt fatalerweise reproduzieren…
Aber genauso wichtig: die Arbeitgeber müssen lernen, dass diese Ausbildung eine GLEICHWERTIGE VERPFLICHTUNG darstellt gegenüber der Patientenversorgung! Und wir müssen sie daran erinnern! Und es muss endlich durchgesetzt werden, dass die Verwendung der Mittel, die den AG für Ausbildung von der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird, transparent kontrolliert wird! Wie kann es sein, dass 2025(!) eine Auszubildende im Orientierungseinsatz (!) im KH alleine (!) zu einer Patientin geschickt wird, die unter anderem auch eine frische Hüft-TEP hatte, um Intimpflege und Inkowechsel zu machen, und bei der Positionierung im Bett die TEP disloziert?! Und das erst die Beschwerde dieser Auszubildenden dazu führt, dass diese Praxis abgestellt wird?! Was machen wir da mit unseren Auszubildenden, mit unseren Pflegebedürftigen?!
Es gäbe sicherlich noch mehr zu schreiben. Vielleicht noch ein paar ergänzende Worte zu mir: ich habe 1986 nach dem Abitur meine Krankenpflegeausbildung am Waldkrankenhaus Spandau gemacht, danach im Urban-Krankenhaus auf Orthopädie und Intensiv gearbeitet, dann Neuere Geschichte, Soziologie und Kulturwissenschaft an TU Berlin und Humboldt-Universität Berlin studiert, während dieser Zeit aber weiter auf der Intensiv als “Extrawächter” gearbeitet.
Ich habe in NS-Gedenkstätten geforscht und Bildungsarbeit gemacht und nach einer Pause 2009 in Hamburg wieder in der ambulanten Pflege angefangen zu arbeiten. Ich bin seither Wundexperte und dann Fachtherapeut Wunde ICW und seit 07/2022 Praxisanleiter. Ich habe lange auf die Freistellung hingearbeitet, bin dies seit dem 1.2.26, allerdings auch der Fachtherapeut des Wundteams. Aktuell ist die Arbeitslast und die durch die Einarbeitung und Erarbeitung des “Wie mache ich das überhaupt?!” in der neu geschaffenen Stelle ziemlich groß. Als PA bekommt man in der Weiterbildung einen breiten Strauß an Möglichkeiten serviert, aber die Umsetzung ist schwierig. Als nicht-freigestellter PA macht an ständig irgendwas nebenher in wechselnder (Un-)Tiefe…
LG aus Hamburg,
Rolf