Hallo zusammen,
ich würde mich gerne aus der Perspektive eines (jungen) Pflegepädagogen zu dem Thema äußern, der die Implemetierung der Generalistik zwei Jahre nach ihrer Einführung an einer Berufsfachschule in Bayern miterlebt hat.
Zu aller erst möchte ich erwähnen, dass ich der Meinung bin, dass die Einführung der Generalistik zu einem wahrlich schlechten Zeitpunkt stattgefunden hat. Alle hatten Angst und Bedenken wegen der damals vorherrschenden Pandemie und dann kommt es zur Einführung einer neunen Pflegeausbildung. Durch die Pandemie gab es viele Beschränkungen und Umsetzungsschwierigkeiten. Der erste generalistische Kurs der damals bei uns startete wurde nur mittels des Rahmenlehrplans und ohne gültiges schulinternes Curriculum ausgebildet. Von der Unterrichtsqualität aufgrund schlechter digitaler Infrastruktur mal ganz abgesehen. Zudem konnten die Auszubildenden nicht besucht/begleitet werden, worunter auch die praktische Ausbildung litt. Ich habe damals die Aufgabe übertragen bekommen, das Curriculum für unsere Schule zu formulieren, drei Jahre nach der Einführung. Und so ging es diversen Schulen. Die Pandemie hat die Umsetzung der Generalistik verzögert, wenn nicht sogar behindert. Und auch heute noch lässt sich das Spüren, vielleicht nicht mehr so stark in den Schulen; in der Praxis jedoch immer noch sehr.
Ich bin ein Befürworter der generalistischen Pflegeausbildung, sehe aber, wie auch meine Vorschreiber*innen einige (noch nicht gelöste) Probleme/Herausforderungen.
Da wäre zum einen die Wahrnehmung dieser Ausbildungsform. Neben der hier schon angesprochenen Thematik, dass die Pädiatrie im Ausbildungsplan zu kurz kommt und sich daher viele pädiatrische Kollegen Sorgen um die Qualität ihres beruflichen Nachwuches machen, ist ein Fakt. Allerdings erlebe ich es aus Rückmeldungen meiner Auszubildenden auch immer wieder, dass die pädiatrischen Einrichtungen wenig Interesse an den Auszubildenden haben. Das mag ein Einzelfall sein und sicher, in 80-120 Std. Praxis wird die Komplexität der Kinderkrankenpflege nie ausreichend vermittelt werden können; die Komplexität der anderen eingeschlossenen Berufe spiegeln deren Praxiszeiten allerdings auch nicht wieder.
Das viel störendere Problem finde ich, wie @Minush und @Mario schon angesprochen haben, die Gespräche über die Generalistik in den sozialen Medien. Und zwar nicht nur von bereits ausgebildeten Fachpersonen, sondern von Noch-Auszubildenden. Häufig sehe ich dann solche Posts wo sich darüber aufgeregt wird, man würde „1000 Kommunikationsmodelle lernen, aber keine Diagnosen“ und das ist schlichtweg falsch. Ja, man lernt Kommunikationsmodelle, aber man lernt auch Physik in der Regelschule auch wenn man kein Physiker werden möchte. Es gehört dazu und es lässt sich einiges daraus ableiten (wenn man will). Mir ist diese destruktive Verhaltensweise echt ein Rätsel und ich frage mich, warum man dann einen Beruf erlernen möchte, den man nach außen hin schlecht darstellt und die restlichen Inhalte der Ausbildung nicht würdigt.
Ja, die generalistische Pflegeausbildung hat ihre Schwachstellen. Auch ich bin der Meinung, dass diese drei Jahre zu kurz sind, für alle zu vermittelnden Inhalte. Und nein, ich glaube nicht daran, dass vier Jahre Ausbildung dazu führen würden, dass dann niemand mehr diesen Beruf erlernen wollen würde. Ich glaube das größte Problem dieser Ausbildungsform ist die Lage, wo sie gelehrt wird - wie viel pflegerische und medizinische Einrichtungen gibt es im Umkreis der jeweiligen Schule an die Auszubildende hingehen können. Und was tun, wenn das Angebot der Nachfrage nicht gerecht wird? Bitte versteht mich nicht falsch, Kinderkrippen und -gärten haben sehr wohl ihre Daseinsberechtigung, aber sie als praktischen Ausbildungsort für die Pädiatrie zu öffnen halte ich für einen fatalen Fehler.
Die Lösung, wie so häufig, sind, auch wenn es eine langwierige Lösung ist, Gepräche. Gespräche mit Praxisanleitenden, Trägern, anderen Schulen und weiteren Kooperationspartnern. Gespräche darüber, was sich verbessern kann und sollte, wo die Schwachstellen liegen und ob diese auf Seiten der praktischen oder der theoretischen Ausbildung liegen. Die Sorgen der praktischen Einrichtungen sind berechtigt, aber die Verteufelung einer Ausbildung und das Demotivieren von Auszubildenden sind es nicht. Und auch hier sollten sich alle Pflege(fach)personen überlegen, warum sie diese Einstellung haben.